Teilen Es glitzert wenig
Arbeitsbedingungen der Filmemacher im Visier

Die Filmbranche im Aufschwung – Die Umsätze steigen, der Staat fördert und der Glamour lockt. Doch kein anderer Kulturbereich muss einen solchen Umbruch verkraften. Jeder vierte Beschäftigte möchte seinen Job wechseln.

Als der Drehtag in seine 16. Stunde ging, als der Hauptdarsteller in seinem Text ein fünftes Mal hängen geblieben war und am Set entnervt die Luft angehalten wurde, als alle schon deutlich an Konzentration eingebüßt hatten und die Szene ein weiteres Mal abzustürzen drohte, da ging der Regisseur zum Set-Produzenten und bat, er möge einen neuen Drehtag genehmigen. Das hätte bedeutet, ein neuer Tag, ein neuer Plan, eine Drehverlängerung – Mehrkosten. Der Produzent lehnte ab mit den Worten: “Überstunden gehören dazu. Ihr seid keine Beamten, ihr macht doch Kunst!” Die Szene wurde erneut angesetzt und der Stab hatte eine kurze Nacht. Die Tage beginnen zeitig, im Filmgewerbe, zehn Stunden Drehzeit sind die Norm, dazu je eine Stunde Vor- und Nachbereitung. Oft reicht das nicht.

Natürlich gehören Überstunden zum Drehen und das Unerwartete macht die Arbeit spannend. Doch der Regisseur STEPHAN WAGNER, der in der oben beschriebenen Szene der Unterlegene war, spricht von zunehmender Selbstausbeutung beim Film. Von unverhältnismäßigem Kostendruck, der an die Filmleute weitergegeben wird. Er benennt miese Gagen und hohe Arbeitslosigkeit unter Regisseuren.

10 000 Euro pro Tag

Wagner arbeitet seit zehn Jahren für das Fernsehen, hat miterlebt, wie sich der Markt seit 2001 halbiert hat – seitdem werden jährlich statt 300 nur noch 150 TV-Filme gedreht. Entsprechend groß ist das Gedränge. Von den Regisseuren hat nicht mal jeder zweite regelmäßig Arbeit. Die Zahl der Schauspieler lässt sich kaum schätzen, aber die Mehrzahl lebt von zehn Drehtagen und weniger. Wer 30 Drehtage hat im Jahr, heißt es, kann davon leben. Der Markt ist auf ein totales Überangebot ausgelegt.

Was nutzen solche Wahrheiten? Halten sie ein Talent davon ab, zum Film zu gehen? Oder ist die Filmbranche nicht, vom Fernsehfilm-Markt abgesehen, die verheißungsvollste, aufstrebendste schlechthin? Nüchterne Tatsachen über den Arbeitsalltag sind nur eine Wahrheit, die Verlockungen der Filmwelt mit ihrem Glamour sind unerreicht.

Die Branche blüht – die Zahlen explodieren, Politiker preisen, der Staat fördert. In der Region Berlin-Brandenburg verbreitet sie den Nimbus von Aufschwung, selbst ohne Stars und rote Teppiche zur Berlinale und zum Deutschen Filmpreis. In diesem Sommer entstehen hier 40 Filme, viel Personal ist gerade beim Tom-Cruise-Film “Valkyrie” beschäftigt. Und wir haben noch nicht von den Gagen geredet, tausende Euro für einen mittelbekannten heimischen Darsteller, 10 000 für einen Star, pro Tag, versteht sich. Selbst sogenannte Dumping-Gagen von 500 Euro klingen nicht nach Armut – für die Summe muss ein Theaterschauspieler oft auf die Bühne.

Tatsächlich aber weiß man nie, wie lange jemand von seiner Gage zehren muss. Und die Zahlen der Filmwirtschaft lassen keine Rückschlüsse auf die Lage der Beschäftigten zu. In Wirklichkeit muss kein anderer Kulturbereich einen solchen Umbruch verkraften. Er hat mit Zukunftsangst zu tun. Das ist neu. Die Medien-Interessenvereinigung Connexx, bei einer Befragung von 1 000 Filmschaffenden ermittelt, dass 78 Prozent mit ihrer sozialen Absicherung unzufrieden sind. Jeder vierte würde sofort den Job wechseln, fast jeder zweite musste in jüngster Zeit Rücklagen aus seiner Altersvorsorge verbrauchen.

Vieles lässt sich auf die Hartz-Gesetze zurückführen, die seit 2006 auch für die Filmbranche gelten. Denn bisher lebten die meisten Filmleute zwischen ihren Engagements von Arbeitslosengeld. Während sie im Winter auf den nächsten Dreh warteten, zahlte das Amt – zusammen mit den Gagen oft eine komfortable Angelegenheit. Heute erwirbt Ansprüche auf Arbeitslosengeld nur, wer zwei von drei Jahren angestellt war. Das schaffen die wenigsten. Die anderen müssen sehen, wie sie ihre Miete zusammen bekommen – als Kellner oder Ebay-Verkäufer. Kaum jemand beantragt Arbeitslosengeld II – dann müsste er dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und könnte nicht auf Abruf auf den nächsten Filmjob warten.

Regisseure und Drehbuchautoren, also die Kreativen beim Film, sind meist Freiberufler, und bekommen ohnehin kein Arbeitslosengeld. Ihre Situation war immer schon schlechter als die von gefragten Film-Handwerkern. Wer nur einen Film im Jahr dreht oder noch weniger, kann davon kaum eine Familie ernähren. Der Regisseur Stephan Wagner gehört zu den wenigen, die sich ihre Filme aussuchen können. Sein Name taucht nicht in den Promi-Spalten der Illustrierten auf, doch mit seiner stringenten Filmsprache gehört er zu den angesehensten Regisseuren. Er hat Fernsehfilme wie die Stasi-Tragödie “Der Stich des Skorpions” mit Jörg Schüttauf und Martina Gedeck gedreht, das Sorgerechtsdrama “In Sachen Kaminski” und den Zweiteiler “Paparazzo”, bei dem er im Streit aus künstlerischen Gründen seinen Namen zurückzog.

Er hat bewiesen, dass sich intelligente Umsetzung eines Stoffes und Unterhaltsamkeit nicht ausschließen müssen. Er leistet sich, Angebote abzulehnen: “Ich will eine Geschichte mit eigener Handschrift erzählen, konsequent und unverwechselbar. Für austauschbare Sachen bin ich nicht der Richtige. Wie soll ich einen Stoff begeistert weitergeben, wenn er mich selbst langweilt?” Bisher hat er es geschafft, mit dieser Methode zwei Fernsehfilme im Jahr zu drehen. Das beschäftigt ihn etwa zehn Monate, nach seiner Schätzung bei einer 70- bis 80-Stunden-Woche. Unter den Regisseuren steht er auf der gut beschienenen Sonnenseite, doch liegt sein Stundenlohn deutlich unter dem im mittleren Management.

Die Quote als Maß der Dinge

Und Macher wie er sind noch anderen Zwängen ausgesetzt. Zum Beispiel Fernseh-Verantwortlichen, die Erfolg planbar machen wollen, mit der Wiederholung bewährter Muster. Wagner: “Der Fernsehbereich hat eine Wandlung erfahren. Als ich anfing, existierte auch eine Quote, doch war sie nicht das Maß aller Dinge. Für mich ist Regisseur der schönste Beruf, ich will keinen anderen haben. Doch zum Regieführen gehört immer das Gefühl, jeder Film könnte dein letzter sein.” Dabei muss es nicht an der Qualität liegen, wenn er unter die Quote rutscht. Ein Fußballspiel auf dem anderen Kanal reicht, oder ein unflauschiges Thema, wie Wagners Film “In Sachen Kaminski”. Der wäre beinahe erst um 23 Uhr gelaufen, hätte er nicht den TV-Movie-Award beim Filmfest München gewonnen.

Wagner versucht, seine Existenz zu sichern und dennoch Kompromisse zu meiden. “Auch das ist schwerer geworden. Früher hatte ein Film 30 Drehtage, heute müssen wir mit 20 bis 23 Tagen auskommen. Die Sender wälzen den Kostendruck ab – die Geschichten werden dünner, die Rollen weniger, die Filmmotive auch. Und im Konkurrenzprogramm läuft Starwars. Wir können ja nicht dazu schreiben, dass wir mit einem Hundertstel des Budgets auskommen müssen.” Oder dass die Filmcrew in der 16. Drehstunde schon erschöpft war.

Berliner Zeitung, 07.09.2007
Birgit Walter

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