REGIE RELOADED - Eine dringend notwendige Debatte über das Berufsbild

Berlinale-Veranstaltungen des BVR

Berlin, 6. März 2020. Auf der diesjährigen Berlinale hat der Bundesverband Regie, BVR, erstmals diverse Veranstaltungen organisiert, die insgesamt mit über 800 Besucherinnen und Besuchern sehr gut frequentiert waren.

In dem Workshop FILMFINANZIERUNG IN DEUTSCHLAND - Wie lassen sich heute anspruchsvolle Projekte finanzieren? stellte der Produzent Florian Deyle/Drife Productions-telenormfilm die Grundpfeiler der Kinofilm-Finanzierung in Deutschland vor.

Daniel Ó Dochartaigh von Cine Globalvermittelte mit dem Seminar FILMVERLEIH SELBER MACHEN den Teilnehmern ein umfassendes Verständnis des Markts und seiner Distributionswege, so dass auch Filmen im Eigenverleih eine erfolgreiche Auswertung gelingen kann.

Mit dem Workshop FILME MACHEN OHNE GELD versetzte Martin Blankemeyer, Sachverständiger für Film- und Medienwirtschaft,die Teilnehmer in die Lage, eigene Projekte zu durchdenken und anzugehen, auch wenn die finanziellen Ausgangsvoraussetzungen schwierig scheinen mögen.

In dem Workshop SHOWRUNNER – das Ende der klassischen Regie? gab Rainer Matsutani, Autor und Regisseur, Einblicke in das amerikanische Showrunner-Prinzip. Rainer Matsutani ist Showrunner der 1. Deutschen Syfy-Serie Spides, die in Deutschland produziert wurde.

In mehreren Workshops vermittelte der Rechtsanwalt Dr. Florian Prugger, Justiziar des BVR, ein umfangreiches Rechts- und Vertragsverständnis für Regisseur*innen, Regieassistent*innen, Script Supervisors und Continuities. Mit dem Seminar FICTION-REGIE - Wie umgehen mit einem abgelehnten Schlichterspruch? zu dem 14 Agenturen geladen waren,informierte Dr. Prugger über den aktuellen Verhandlungsstand der Gemeinsamen Vergütungsregeln (GVR) mit der ARD, um anschließend mit allen Anwesenden gemeinsame Interessen zu diskutieren.

Den Abschluss bildete die Abendveranstaltung BVR Reloaded Panel & Party zur provokanten Frage: „Wer braucht heute noch Regie?“  Im Vorfeld hatten sich Regisseur*innen des BVR zusammengeschlossen und über ihre Arbeitsbedingungen diskutiert. Formate und Produktionsbedingungen von Spiel- und Dokumentarfilmen, die arbeitsteiligen Prozesse sowie die dafür notwendigen Formen der Zusammenarbeit verändern sich rasant – überwiegend zum Nachteil der Regie. Intern hat der BVR daher einen Prozess angestoßen, mit dem der Verband unter Mitwirkung aller Mitglieder ein neues Verständnis der Regie entwickeln will, um der aktuellen, sich verändernden politischen Filmlandschaft ein starkes Berufsbild entgegenzusetzen. Dieser Prozess wurde während der Berlinale unter dem Titel REGIE RELOADED begonnen und führte gleich zum Start zu einer kontroversen Debatte. Cornelia Grünberg, Vorstand BVR: „Wir glauben, dass die Debatte über das Berufsbild Regie von großer Bedeutung für die Zukunft des deutschen Films ist. Sie muss demokratisch geführt werden, und wir stehen hier erst am Anfang!” 

Welche Positionen und Forderungen die Regisseur*innen an die Branche haben, wird der BVR in den nächsten Wochen formulieren. Aus der praktischen Erfahrung wissen die Mitglieder des BVR, dass die Regie in ihrer Entscheidungsfreiheit zunehmend beschnitten wird. Zu viele Menschen nehmen sich im kreativ-künstlerischen Prozess das Recht heraus, mitzusprechen und Einfluss zu nehmen. Oft soll die Regie nur noch Dienstleister sein, wird ihr die Montage aus der Hand genommen, bestimmen Redaktionen die Besetzung bis ins Detail. Dramaturgisch wesentliche Konflikte und Themen werden aus dem filmischen Werk gestrichen, weil man sie dem Publikum nicht zumuten könne. Divers erzählte Filmgeschichten sind eine Seltenheit.

Zur Auftaktveranstaltung REGIE RELOADED, einem Panel am 26.02.20 in der Landesvertretung Niedersachsen, war die Film- und Fernsehbranche eingeladen, Stellung zu diesen und weiteren Themen zu beziehen. Im Rahmen dieses Panels wurde auch der 6. Diversitätsbericht von Prof. Dr. Elizabeth Prommer (Universität Rostock) vorgestellt, ein weiteres Beispiel dafür, wie schwer es der Branche nach wie vor gemacht wird, innovativ zu handeln. Zwar hat sich in den letzten Jahren der Anteil der fiktionalen Sendeminuten unter weiblicher Regie von zirka 10 auf  21% erhöht, „allerdings wird es bis 2031 dauern, bis wir Geschlechterparität erreicht haben“, so Prommer. Wie hart die Filmbranche mit ihren Beteiligten umgeht, zeigt sich an der Alterskurve der Regisseur*innen: Junge Menschen sind gefragter denn je, ab 50+ werden Regisseur*innen immer weniger gefragt, Regisseurinnen kommen kaum noch vor: „... während Redakteur*innen, Produzent*innen, Politiker*innen und Mitglieder von Fördergremien in ihren Berufen auch älter werden dürfen. „Um den Regieberuf nach allen Regeln der Filmkunst auszuüben, braucht es neben Know-How auch Lebenserfahrung, um komplexe Charaktere zu inszenieren und ein großes Team zu führen ...“, so Grünberg.

Der Vorstand

BVR