13. August 2010

Deutscher Fernsehpreis ohne persönliche Schöpferauszeichnungen vor dem Aus

Das problematische Reglement soll 2015 endlich reformiert werden

Deutscher Fernsehpreis ohne persönliche Schöpferauszeichnungen vor dem Aus

Auch 2014 wird der im Reglement leider total verunglückte Deutsche Fernsehpreis weiter vergeben. Er war einmal einer der renommiertesten deutschen Medienpreise. Dies kann man nach der 2010 vorgenommenen Änderung des Preiskategorien-Systems nicht mehr sagen. Ausgezeichnet werden nämlich überwiegend nicht mehr die Schöpfer kreativer Werkleistung, sondern “Sendungen”.

Was als Sammelauszeichnung eher vornehm umschrieben ist, ist im Grund eine amorphe Huldigung des eigenen Sendeprodukts. Kritik an diesem mehr als fragwürdigen Preissystem gab es seit Herbst 2010 (siehe unten) aus der gesamten Fernsehbranche. Trotzdem machen die Sender, die Stifter des Deutschen Fernsehpreises, einfach so weiter. Augen zu und durch. Mehr noch: RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger verstieg sich zu der Ankündigung, dass aufgrund Vertragsverpflichtungen gegenüber der durchführenden Produktionsfirma bis 2015 nichts an dem desaströsen Preiskategorien-System geändert werden soll.

Nun deutet sich an, dass die Stifter ARD, ZDF, RTL und ProSiebenSat.1 endlich die Reißleine ziehen. Die neuen, gut eingeführten Preise etwa des Regie- und des Schauspielerverbandes zeigen wohl Wirkung, ebenso wie die zaghaften Versuche, beim Deutschen Fernsehpreis mit der neu gegründeten Deutschen Akademie für Fernsehen e.V. zusammenarbeiten zu wollen. Das sollte bedeuten: mit Auszeichnungen für die wichtigsten schöpferischen Leistungen von Personen (und nicht der Sendung an sich). Allerdings haben die Stifter erst einmal eine Ausschreibung zu Ort und Durchführung der Verleihungsveranstaltung auf den Weg gebracht. Die Verpackung ist also noch immer wichtiger als der Inhalt.
Wie misslungen der Fernsehpreis mittlerweile ist, darauf deutet auch die Besetzung der aktuellen Jury, in der kein Urheber, kein Drehbuchautor, kein Regisseur und kein Kameramann sitzt. Dafür reichlich Fernsehkritiker und Produzenten von TV-Alltagskost.
JK

Zur Kritik am Deutschen Fernsehpreis hören Sie bitte auch den Beitrag auf Deutschlandradio Kultur::

www.dradio.de/aodflash/player….

ARCHIV:

ZUR KRITIK AM REGLEMENT DES DEUTSCHEN FERNSEHPREISES IM HERBST 2010-12

Der im Reglement völlig umgekrempelte Deutsche Fernsehpreis 2010 wollte zunächst die beste Sendung auszeichnen. Abgeschafft werden die bisher üblichen Einzelauszeichnungen, etwa für Regie, Drehbuch, Musik etc. Zwei Schauspielerpreise sind trotz des eigentlich anders ausgerichteten Konzeptes übrig geblieben.

Nachdem klar wurde, dass die Sendung ein ungeeignetes Auszeichnungskonzept darstellt, wurde den protestierenden Fernsehurhebern mitgeteilt: Prämiert werden künftig Personen in Teams. Bei Fernsehfilmen und Mehrteilern sollen dies gemeinsam sein: der Produzent, der Regisseur, Autor, Kameramann, Cutter, Komponist, Ausstatter und stellvertretend für das Schauspieler-Ensemble die Hauptdarsteller. Außerdem sind für alle Auszeichnungsrubriken Senderverantwortliche hinzugekommen: der Redakteur und manchmal die Redaktionsleitung. Dafür entfernte man im Bereich der Serie den wichtigsten Gestalter, den Regisseur, aus dem auszeichnungsfähigen Team. Völlig übersehen wird, dass im Team unterschiedliche Schöpfungsgrade vorherrschen. Diese werden nun alle über einen groben Leisten geschlagen.
Erahnbar wird dabei der Versuch, zentrale Urheberleistung marginalisieren zu wollen. Die ist bisher vor allem im Bereich der Fernsehfilme deutlich geworden, der im neuen Reglement an Leitbildfunktion und Programmgewicht zurück gestuft wird. Beides deutet darauf, dass die Sender als Fernsehpreis-Stifter geneigt sind, ästhetische Verantwortung von den Werkgestaltern auf sich selbst umzulenken.

Bisher gibt es keinerlei anwendbare Kriterien, wie denn eine Teamleistung werkästhetisch einzuschätzen oder zu bewerten ist. Damit stellt sich für BVR-Geschäftsführer Dr. Jürgen Kasten die Frage: „Auf welcher Grundlage und nach welchen Kriterien urteilt die Jury? Das dürfte ihr Geheimnis bleiben oder einem von den Sendern definierten Auszeichnungs- oder Popularitätsproporz geschuldet sein“.

Jeder halbwegs angesehene Kulturpreis zeichnet eine klar umrissene, damit abgrenzbare ästhetische Gestaltung aus– und eben nicht eine undifferenzierte Teamvermutung. Die ist genauso unsinnig, wie die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit dem deutschen Fernsehpreis ehren zu wollen. Der BVR fordert deshalb die Stifter auf, ein solch ungenaues Konzept für einen der einstmals wichtigen deutschen Fernsehpreise zu überdenken. Es wird demnächst erste Gespräche von Vertretern der Verbände und der Stifter geben, um den Deutschen Fernsehpreis wieder auf eine sinnvolle Grundlage zu stellen.
JK

An Stifter und Jury des Deutschen Fernsehpreises
Brief des BVR

Die Stifter des Deutschen Fernsehpreises (ARD, ZDF, RTL sowie Pro7 Sat.1) haben in der Neufestlegung des Reglements die Kategorien für künstlerische Einzelleistung quasi abgeschafft. Es wird fortan beim Deutschen Fernsehpreis keine Auszeichnungen mehr für Drehbuch, Regie, Kamera oder Schnitt geben. Nur noch zwei Schauspieler-Auszeich-nungen sind im Reigen der demnächst von der Jury auserkorenen „besten Fernsehsendungen“ übrig geblieben.
Das erscheint angesichts der vermeintlichen Systematik der Neuausrichtung inkonsequent und unlogisch. Das veräußernde Gestaltungselement Schauspieler bleibt als einziges sichtbar. Es muss künftig für die Camouflage des künstlerisch Gestaltenden einstehen, auf die der Deutsche Fernsehpreis im Grunde genommen verzichten will.
Demnächst wird es zwar noch Auszeichnungen für „Besondere Leistungen“ in den Grobbereichen Fiktion, Unterhaltung und Information geben. Hier konkurrieren dann der Autor mit dem Regisseur und der Produzent mit dem Cutter oder anderen Beteiligten an der Herstellung des Fernsehwerks. Äpfel und Birnen zu vergleichen ist dagegen wahrscheinlich noch ein leichteres Unterfangen.
Zentral für das Reglement des Deutsches Fernsehpreises wird zukünftig der Begriff der Sendung sein. Ausgezeichnet werden: der besten Fernsehfilm, die beste Serie, die beste Unterhaltungs- oder Dokumentationssendung, die beste Show, Comedy-, Sport- und Informationssendung, Reportage usw.

Es drängen sich zwei Fragen auf: Was ist eine Sendung? Und: Wer kann zukünftig konkret für sich in Anspruch nehmen Träger des Deutschen Fernsehpreises zu sein? Denn es wird beim Deutschen Fernsehpreis zukünftig so getan, als wenn sich eine Fernsehsendung selbst generiert. Nicht das einzelne, individuell gestaltete Werk steht im Mittelpunkt, sondern der formatierte Fluss des Programms, das in „Programmfarben“ aufgeteilt wird. Orientierung wird dem Zuschauer nun kaum noch geboten, geschweige denn, dass der Deutsche Fernsehpreis Symbol und Ausweis für die viel beschworene Qualität im deutschen Fernsehen wäre.

Kreative, gar geistesschöpferische Leistungen scheinen in dieser neuen Vorstellung von Fernsehen weder Wert noch Stellenwert zu haben. Der Deutsche Fernsehpreis ist mit seiner Neuausrichtung auf bestem Wege, sich selbst zu bagatellisieren und zu marginalisieren. Die 2008 als vollkommen überzogen abgetane Kritik von Marcel Reich-Ranicki am Zustand des deutschen Fernsehens, so wie ihn der Deutsche Fernsehpreis präsentiert, wird mit dieser Neuausrichtung des Preisstatuts eindrucksvoll bestätigt.

Der BVR fordert die Stifter nachdrücklich auf, die in jeglicher Hinsicht problematische Neuausrichtung des Deutschen Fernsehpreises zu überdenken. Gleiches gilt für die Besetzung der Jury, zu der überwiegend Präsentatoren und Journalisten gehören, denen erzählerische, inszenatorische oder gar geistesschöpferische Werkgestaltung und Werkverantwortung eben-so fremd zu sein scheint.

Die Stifter des Deutschen Fernsehpreises verteidigen ihr Konzept
Antwort von ARD, ZDF, RTL und Pro7Sat.1 auf die BVR-Kritik

Bei der Reform bzw. der Entwicklung des neuen Kategoriensystems haben wir den Werk- und Teamgedanken des Fernsehschaffens in den Vordergrund gestellt und wollten Einzelleistungen gemeinsam mit den Werken auszeichnen.
Dabei kommt es uns auf die Gleichbehandlung aller Genres in Information, Unterhaltung und Fiktion an. Seit Gründung des Deutschen Fernsehpreises 1999 haben sich 10 von 12 personalen Kategorien regelmäßig ausschließlich auf Einzelleistungen im Fernsehfilm bezogen. Gleichzeitig nehmen Information, Dokumentation, Unterhaltung, Comedy und Dokutainment einen wachsenden Stellenwert im Programm ein. Dieser Entwicklung muss der Deutsche Fernsehpreis nach unserer Aufassung Rechnung tragen und auch diese Programmfelder angemessen würdigen.

Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass der Preis diejenigen beteiligt, für die wir unser Programm machen: die Zuschauer. So wollen wir mit der Reform einen Publikumspreis für jährlich wechselnde Kategorien einführen.
Insgesamt soll dabei dann auch eine Straffung des Kategoriensystems im Sinne einer zeitlich und inhaltlich überzeugenden Preisverleihung erreicht werden.

Persönliche Leistungen in Regie, Buch, Kamera, Schnitt, Musik und Ausstattung fallen nicht weg, sondern können gemeinsam mit den Werken ausgezeichnet werden. Das bedeutet, der Fernsehpreis richtet sich in Zukunft an ein Team von Kreativen für ein bestimmtes Werk. Preisträger sind die Kreativen und Künstler gemeinsam mit den Produzenten.

Bei den Schauspielern entfällt die Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenrollen. „Bester Schauspieler Nebenrolle“ und „Beste Schauspielerin Nebenrolle“ können in die Kategorien „Bester Schauspieler“ und „Beste Schauspielerin“ integriert werden.
Das innovative Programmfeld Dokutainment erhält eine eigene feststehende Kategorie.

Neben dem klassischen Kategorienkanon hat die Jury die Möglichkeit, „Besondere Auszeichnungen“ für herausragende künstlerische und kreative Leistungen in Information, Unterhaltung und fiktionalem Fernsehen zu vergeben. Hier können dann z.B. ein Drehbuch, eine Regiearbeit, eine Filmmusik oder auch eine herausragende Kamera ausgezeichnet werden. Insbesondere in Information und Unterhaltung können hier Leistungen erfasst werden, die sich mit den übrigen Kategorien nicht abbilden lassen.

Wir sind uns bewusst, dass es sich bei der jetzt beschlossenen Reform gegenüber den vergangenen Jahren um einen deutlichen Systemwandel handelt. Aber genau dieser Systemwechsel ist im Sinne der Zukunftsfähigkeit des Preises aus unserer Sicht notwendig und gewollt.

Bei all dem steht die Bedeutung des fiktionalen Fernsehschaffens für das deutsche Fernsehen und die Würdigung der dafür verantwortlichen Kreativen für uns außer Frage. So bezieht sich auch im neuen System ein Großteil der vorhandenen Kategorien auf das fiktionale Fernsehen.

Die Würdigung herausragender Werke, die Auszeichnung der Kreativen im Team, eine Gleichbehandlung der Genres und die Straffung des Kategoriensystems geben dem Preis aus unserer Sicht neue Kraft und ein klareres Profil.

Wir möchten Sie und die Mitglieder Ihres Verbandes sehr herzlich einladen, diesen Weg gemeinsam mit dem Deutschen Fernsehpreis zu gehen.

Monika Piel (Intendantin WDR und Stifter-Vorsitzende)
Anke Schäferkordt (Geschäftsführerin RTL)
Prof. Markus Schächter (Intendant ZDF)
Andreas Bartl (Vorstand Pro7Sat.1)