7. November 2016

Die Verleihung des Deutschen Regiepreises METROPOLIS 2016

Gestern wurden die Gewinner und Gewinnerinnen in der HFF München gefeiert

Die Verleihung des Deutschen Regiepreises METROPOLIS 2016

Zum sechsten Mal wählten die Mitglieder des Bundesverbandes Regie e.V. (BVR) aus ihren Reihen die Besten Kolleginnen und Kollegen in den Kategorien Kinofilm, Kinder- u. Jugendfilm, Dokumentarfilm, Nachwuchsfilm, TV-Film und TV-Serie und feierten gestern Abend in einer unterhaltsamen Gala in der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) die Gewinner und Gewinnerinnen der goldenen METROPOLIS Würfel. Die sonntägliche Gala war der Höhepunkt der TAGE DER REGIE, die mit interessanten und wichtigen Weiterbildungsthemen und Panels bereits zum dritten Mal am Wochenende stattfanden.

Der Preis für ein Lebenswerk wurde EDGAR REITZ als Ehrenpreis der VG Bild-Kunst verliehen.

Die Gewinner und Gewinnerinnen des Deutschen Regiepreises Metropolis 2016 sind in den jeweiligen Kategorien:

Beste Regie Kinofilm: HANS STEINBICHLER für “Das Tagebuch der Anne Frank”

Beste Regie Kinder-/Jugendfilm: STEFAN BÜHLING für “Die weiße Schlange“

Beste Regie Dokumentarfilm: STEFAN EBERLEIN für “Parchim International”

Beste Regie Fernsehfilm: KILIAN RIEDHOF für “Der Fall Barschel”

Beste Regie TV-Serie/Serienfolge: SABINE DERFLINGER für “Vorstadtweiber, Staffel 2, Folge 6”

Beste Regie Nachwuchs: VIVIANE ANDEREGGEN für “Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut”

Alle Regiepreise sind mit EUR 5.000 dotiert, der Lebenswerk-Preis mit EUR 20.000.-.

Weitere Metropolis-Preise wurden an wichtige Mitstreiter der Regie vergeben. Geehrt wurden wie folgt:

Beste schöpferische Mitwirkung: Schnitt JENS MILLER für “Das Programm”

Bester Schauspieler: FRIEDRICHCKE für seine Darstellung in “Unter der Haut”, “Mordkommission 1” und “Weinberg”

Beste Schauspielerin: JÖRDIS TRIEBEL für ihre Darstellung in „Ein Atem“ und “Operation Zucker: Jagdgesellschaft”

Beste produzentische Leistung: GABRIELA SPERL für die Produktion der “NSU-Trilogie” für die ARD

Beste redaktionelle Leistung: SASCHA SCHWINGEL für die Redaktion von “Der Fall Barschel“ (ARD/Degeto)

Aus den Einreichungen hat eine siebenköpfige Jury aus Regisseurinnen und Regisseuren folgende Filme und Fernsehwerke aus dem Jahrgang 2015/16 nominiert:

Beste Regie Kinofilm
• “Das Tagebuch der Anne Frank” von Hans Steinbichler
• “Die dunkle Seite des Mondes” von Stephan Rick
• “Er ist wieder da” von David Wnendt

Beste Regie Kinder-/Jugendfilm
• „Die weiße Schlange“ von Stefan Bühling
• „Smaragdgrün“ von Felix Fuchssteiner u. Katharina Schöde

Beste Regie Dokumentarfilm
• “Krieger Vater König” von Julian Reich
• “Parchim International” von Stefan Eberlein
• “Verfluchte Liebe deutscher Film” von Dominik Graf u. Johannes F. Sievert

Beste Regie Fernsehfilm
• “Das Programm” von Till Endemann
• “Der Fall Barschel“ von Kilian Riedhof
• “Mitten in Deutschland NSU – Vergesst mich nicht (Die Opfer)” von Züli Aladag
• “Schweigeminute” von Thorsten M. Schmidt

Beste Regie TV-Serie/Serienfolge
• “Club der roten Bänder, Folge 2“ von Richard Huber
• “Der Club der roten Bänder, Folge 8“ von Sabine Bernardi
• “Vorstadtweiber, Folge 6“ von Sabine Derflinger
• “Weinberg, Trauma” von Till Franzen

Beste Regie Nachwuchs
• “Dolores” von Michael Rösel
• “Highway to Hellas” von Aron Lehmann
• “Outside the Box” von Philip Koch
• “Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut” von Viviane Andereggen

Die Nominierungs-Jury bildeten Frauke Thielecke (Vorsitz), Selcuk Cara, Emre Koca, Sven J. Matten, Janis Rattenni, Marcus Schwenzel und Tobias Stille. Die Preisträger des Deutschen Regiepreises METROPOLIS wurden durch eine Online-Abstimmung unter den Mitgliedern des BUNDESVERBANDS REGIE ermittelt.

Einer der Höhepunkte der Verleihungs-Gala ist stets der mit 20.000 EUR dotierte Preis für ein Lebenswerk, der als Ehrenpreis der VG Bild-Kunst vergeben wird. Ihn erhielt in diesem Jahr: EDGAR REITZ.

EDGAR REITZ zählt nicht erst seit seiner großformatigen „Heimat-Trilogie“ zu den außergewöhnlichsten deutschen Filmemachern. Er erzählt in großen Bildern die kleinen Geschichten des Alltags. Ausgeklügelte Bildkompositionen erzeugen eine filmische Ästhetik des nur vermeintlich Nebensächlichen. Besonders in dem ungeheuren Erzählkorpus von insgesamt mehr als 48 Stunden der Filme „Heimat. Eine Chronik in elf Teilen“ (1981-84), „Die zweite Heimat. Chronik einer Jugend in 13 Filmen“ (1984-92), „Heimat 3. Chronik einer Zeitenwende“ in 6 Filmen (2002-04) sowie „Die andere Heimat. Chronik einer Sehnsucht“ (2010-14) entwickelt er eine Subtilität der filmischen Repräsentation des sichtbaren Menschen, die einzigartig ist, nicht nur in der deutschen Kinematografie. Fast nebenbei justiert er den „Heimat“-Begriff neu und öffnet den Blick auf die feinsten Verzweigungen menschlicher Existenz in staunenswerter Beiläufigkeit, ja Familiarität. Reitz erzählt bevorzugt über Menschen aus der Hunsrück-Region, woher er selbst stammt, ohne dass seine „Heimat“-Filme autobiografisch oder sentimentale Rückblicke sind. Seine Chroniken haben einen ganz eigenen Rhythmus, den die filmischen Charaktere, manchmal sogar Nebenfiguren diktieren, selbst wenn sie sich an einschneidenden historischen Ereignissen und Zeitenwenden abarbeiten, die mitschwingen, aber nie den Blick auf die individuellen Erlebnisse und Befindlichkeiten verstellen. Reitz ist gewissermaßen ein Existenzialist des Alltäglichen.

Dass Reitz „Die andere Heimat“ dieses Mal nicht als Fernseh-Serie, sondern als vierstündigen Kinofilm realisierte, wirkt im Zuge seiner monumental anmutenden Suche nach dem großen Serienroman aus Deutschland und seinem ausgeprägten visuellen Stilwillen nur konsequent. Er betont, schon beim ersten „Heimat“-Zyklus „mit der Leidenschaft für das Kino gearbeitet, obwohl ich mit den Möglichkeiten des Fernsehens produziert habe. Aber vom ästhetischen oder auch technischen war das immer für die Kinoleinwand gedacht“.

Dass gerade regionale Bezüge in der Narration moderner Serien wichtig sind, hat Reitz lange vor den „Sopranos“, „Borgen“ oder „Top Of The Lake“ erkannt. Hartnäckig und unter Einsatz aller seiner ästhetischen wie materiellen Ressourcen (als Produzent) hat sich Reitz die Chancen der großen epischen Erzählweise erarbeitet. Er gewann, auch mit der Unterstützung von Drehbuchautoren wie Peter Steinbach und Thomas Brussig, die Freiheit für den Autor-Regisseur zurück, die den deutschen Autorenfilm der 1970er Jahre geprägt hatte. Hierfür war Edgar Reitz einer der Wegbereiter, u.a. als Mitautor des Oberhausener Manifests (1962), der Initialzündung des Neuen Deutschen Films.

Nach einer Vielzahl avantgardistischer Kurz-, Kultur- und Industriefilme, in denen Reitz an die vergessene Tradition der 1920/30er Jahre anknüpfte, realisierte er mit „Mahlzeiten“ (1967) sein Langfilm-Debut. In Venedig gewann er damit sofort den Nachwuchspreis. Noch stark der assoziativ-disruptiven Schnitttechnik verbunden, zeigt Reitz kühl wie ein Verhaltensforscher, wie sich das Glücksversprechen eines jungen Paares in der Wirtschaftswunderzeit verliert. In seiner E.T.A. Hoffmann-Adaption „Cardillac“ (1969) sind die die fließenden Übergänge zwischen Farb- und Schwarzweiß-Sequenzen wichtig, ein formales Mittel genuin des Films, das er in den „Heimat“-Filmen perfektionieren wird. Monochrome Bilder kombiniert er mit Farbbildern und versucht in der Geschichte eines rachsüchtigen Goldschmieds sogar Goldtöne ungesättigt entstehen zu lassen.

„Die Reise nach Wien“ (1973) hat ihren Ausgangspunkt zum ersten Mal im Hunsrück. Wiederum geht es um ein Glücksversprechen in Form einer Kiste voller Geld, mit der Hannelore Elsner und Elke Sommer aufgrund der Kriegsabwesenheit der Männer versuchen, ihren Traum vom Glück zu realisieren, der die dörfliche Heimat hinter sich lässt. „Die Stunde Null“ (1976) ist quasi die Fortsetzung und ein Vorbote der „Heimat“-Filme. 1945 ist plötzlich vieles möglich, für kurze Zeit bleibt ein exterritorialer Raum, den ein junges Paar begeht, ohne dass die Sehnsucht nach heimatlicher Zuflucht gestillt wird.

„Der Schneider von Ulm“ (1978) ist Reitz‘ teuerster eigenproduzierter Kinofilm. Er zeugt von seinem Faible für kauzig-visionäre Eigenbrötler, hier ein Schneidergeselle und sein Traum vom Fliegen, angesiedelt in Ulm am Ende des 18. Jahrhundert. Edgar Reitz hat mit ähnlicher Besessenheit und Hartnäckigkeit das episch filmische Erzählen in Deutschland voran gebracht. Der kommerzielle Misserfolg des „Schneiders von Ulm“ war die Geburtsstunde der Arbeit an der „Heimat“-Trilogie, die Reitz mit der Akribie des Schneiders auf den Weg brachte.

Der BUNDESVERBAND REGIE e.V.hat Edgar Reitz während der TAGE DER REGIE mit einer Retrospektive seiner Filme und einem öffentlichen Fachgespräch geehrt.
JK/TS