9. März 2017

Nicole Weegmann und Florian Schwarz gewinnen in Marl

Preisträger 2017 des Grimme-Preises stehen fest

Der Adolf-Grimme-Preis wird bereits zum 53. Mal vergeben. Noch immer ist er die wichtigste Fernsehauszeichnung in Deutschland. Dies gilt besonders für die Königsdisziplin Fiction, also den klassischen Fernsehfilm. Hier gab es auch mehrere Auszeichnungen für Regisseure/innen des BVR. Auffällig ist jedoch, dass in diesem Jahr keine fiktionale Serie ausgezeichnet wird. Vielmehr dominiert ein Mal mehr der hohe Standard des abendfüllenden TV-Films von 90 min. Die Grimme-Preise werden am 31. März in Marl verliehen.

FLORIAN SCHWARZ inszenierte den brandaktuellen Cyber-Missbrauchsfilms „Das weiße Kaninchen“. Obwohl von erschreckender Tagesaktualität, ist dies kein realistischer oder naturalistischer Film. „Überzeugend wirkt die Entscheidung des Buches (Holger Karsten Schmidt und Michael Proehl) und der Inszenierung, die Perspektive ihrer Hauptfigur in eine Vielzahl von doppelbödigen Jungmädchenimaginationen aufzulösen. Es geht um Manipulation, in mehr als einer Hinsicht. … In epischem Cinemascope gedreht (Bildgestaltung Philipp Sichler), ist „Das weiße Kaninchen“ ein überaus garstiges Märchen aus der heutigen Zeit, in dem das einsame Kind an der Schwelle zum Erwachsensein umstandslos dem Verderben überantwortet wird. Wie auf einer schiefen Ebene erzählt der Film als drastisches Generationen-Aufklärungsstück. … Es beeindruckt die Virtuosität der Perfidie, mit der Regisseur Florian Schwarz und die Autoren den Zuschauer am Gängelband des Zweifels durch die zahlreichen Wendungen der Handlung führen. Sie ist grundlegend für die grandios unbehagliche Atmosphäre des Films“, der sich die Jury keinesfalls entziehen konnte und wollte.

„Ein Teil von uns“ ist eine sublime Mutter-Tochter-Beziehungsanalyse von NICOLE WEEGMANN: Auffällig und besonders ist, dass der Film fast dokumentarisch genau das Milieu der Obdachlosenfürsorge abbildet. „Der Zuschauer sieht die Dinge durch den Blick der Tochter – zu den Stärken des vielschichtigen Drehbuchs von Esther Bernstorff gehört es, dass es unerbittlich zeigt, wie schnell die Mutter Nadja ins Unglück zieht. Trotzdem lässt sich ein Rest abgöttischer Liebe der Tochter erahnen. … Exzellentes Spiel und Inszenierung wirken in diesem starken Film zusammen, der ohne wundersame Wendung zum Guten endet. Paradoxerweise liegt das Happy End darin, dass Nadja sich dem Leben zuwendet, auch wenn kein Happy End zu erwarten ist“ – lobt die Jury nicht nur diese außergewöhnliche Finalkonstruktion.

Marc Bauder führte Regie bei „Dead Man Working“, einem TV-Film, der in vielerlei Hinsicht atemberaubend ist. Erzählt wird von der Welt der Hochfinanz, die so wenig greifbar ist, von Milliardensummen, die kaum vorstellbar sind, von Glaspalästen, die von Menschen ohne Eigenschaften bewohnt werden, von Finanzjongleuren, die sich aufschwingen, die Welt zu beherrschen. So abstrakt diese Welt wirkt, so konkret sind die Auswirkungen auf das Leben der Anderen. Bauder zeigt das wie beiläufig, wie in einem langsamen (Alp-)Traum und beginnt mit dem Sprung eines der Jongleure vom Top-Dach in den Tod. Tot war er schon vorher, er wusste es nur noch nicht.