22. Mai 2017

Appell der europäischen Filmemacher

während der Filmfestspiele Cannes

Liebe Bürger und Filmemacher Europas,

wir leben im Zentrum eines Europas, auf dem große Hoffnungen ruhen, wenn es gelingt, den Werten der Toleranz, Offenheit und Vielfalt treu zu bleiben und sich gegen aufkommende nationalistische, bildungsfeindliche Abschottungstendenzen zu verteidigen. Da das europäische Kino der Spiegel dieser positiven Werte ist, sind wir der Überzeugung, dass es zu einer ambitionierten, neuen Form der europäischen Kulturpolitik beitragen kann und muss. Weit mehr als nur ein Beschäftigungsbecken, ein Zusammenschluss von Staatsgebieten oder ein Nebeneinander von Märkten und Verbrauchern zu sein, steht die europäische Kultur für eine pluralistische Identität und eine freie und demokratische Ausdrucksform.

Zwar haben sich in der Vergangenheit die Wege Europas und der Filmkunst manchmal getrennt, doch genauso bot sich ihnen über die Jahre immer wieder die Gelegenheit zur Annäherung. Dies trifft vor allem auf die 25 Jahre zu, in denen das Filmemachen und das Filmevertreiben in Europa bereits durch das Programm MEDIA begleitet wurde, dessen Budgetausstattung nun verstärkt und dessen Wirkungsfeld erweitert werden muss, vor allem gegenüber den Autoren.

Der Zugang aller zur Kultur ist ein Ideal: konsequent modern, wirtschaftlich stark, politisch ehrgeizig und dank digitaler Technik lebendig und zutiefst menschlich. Dieses neue digitale Umfeld, nach dem wir die Arme ausstrecken, ist voller Versprechen und Hoffnungen. Aber für die Künstler/Kulturschaffenden auch voller Herausforderungen.

Unter diesen müssen die Finanzierung und Entwicklung des europäischen Films für uns Vorrang haben.

Mehr denn je kommt es auf die Wahrung der Territorialität der Rechte an: Sie strukturiert und garantiert das hohe Niveau der Finanzierung für Werke in Europa, besonders bei den anfälligsten Filmkünsten und bei europäischen Koproduktionen. Dieses Prinzip muss gesichert werden, um die Exklusivität der Rechte und so die Grundlage der Finanzierung der Werke zu gewährleisten. Denn genau diese Territorialität ermöglicht den Zuschauern den Zugang zu den unterschiedlichsten, europaweit finanzierten Werken. Vom gemeinsamen europäischen Markt zu träumen mag verlockend sein, aber derzeit würde ein solches Vorhaben den Grundlagen der kulturellen Vielfalt und Besonderheit schaden.

Das Recht für Autoren, von ihrer Kunst leben zu können, muss ebenfalls gefestigt und ausgebaut werden, damit sie weiter ihrer kreativen Arbeit nachgehen können.

Das Europäische Parlament und der Rat beraten derzeit über einen Richtlinienentwurf zum Urheberrecht. Die Europäische Union muss allen Filmemachern auf ihrem Staatsgebiet denselben Schutz zukommen lassen und ihnen ein unveräußerliches Recht auf Vergütung zugestehen, wenn ihre Werke auf Online-Plattformen genutzt werden. Darüber hinaus muss sie die Transparenz und erfolgsabhängige Vergütung der Urheber fordern.

Die Integration der Internetriesen in die europäische Kreativwirtschaft ist entscheidend für die Zukunft der Filmkunst.

Europa muss das Ziel vorgeben und die Bedingungen für einen gerechteren und dauerhafteren Wettbewerb zwischen all jenen festlegen, die unsere Werke verbreiten. Es muss das Prinzip der steuerlichen Gleichbehandlung gewährleisten und gegenüber den Kunstschaffenden gemachte Zusagen zur Finanzierung und Verbreitung rasch und ohne Umwege umsetzen. Und schließlich muss Europa für eine bessere Ausgewogenheit zwischen dem Ort der Besteuerung und dem Ort der Verbreitung der Werke sorgen, wie es bereits für die Umsatzsteuer der Fall ist.

Europa ist kein neuer Wilder Westen, ohne Glauben und Moral: Es muss auf die Anwendung derselben Regeln für alle Anbieter, Plattformen, Websites oder sozialen Netzwerke geachtet werden.

In Zeiten, in denen die Produktpiraterie noch immer eine Plage ist und das legale Angebot die Zuschauer nur mühsam erreicht, ist es zudem nötig, eine bessere Präsentation der Werke auf allen Trägern zu fordern.

Die Entwicklung von Referenztools für legal zugängliche Filme muss beschleunigt werden, und ebenso müssen die Zusammenarbeit zwischen Mitgliedsstaaten und konzertierte gemeinsame Aktionen unterstützt werden.

Jeder Autor hofft vor allem, sein Werk dem größtmöglichen Publikum zugänglich machen zu können: Die Gewährleistung einer umfassenden Präsentation in Kinosälen, auf TV-Kanälen, in digitaler Form und auf allen On-Demand-Diensten hat Priorität. Es geht dabei auch darum, neuen Zuschauererwartungen gerecht zu werden. Die in dieser Sparte Tätigen sind aufgefordert, in diese Richtung gehende Anstrengungen zu unternehmen. Auch die europäischen Institutionen müssen eine gewisse Mindestpräsenz und -forderung der europäischen Werke auf den On-Demand-Diensten garantieren und ein hilfreiches Band zwischen digitaler Welt und Kunst knüpfen, ohne dabei die kulturelle Vielfalt zu gefährden.

Die Herausforderung ist enorm, birgt aber riesige Chancen: Nämlich die, politische Akteure, Kunstschaffende und Bürger zu einen, um neu zu überlegen und eine anspruchsvolle, ehrgeizige Kulturpolitik zu entwickeln, die sich an die digitale Welt, ihre Wirtschaft und Bräuche anpasst und Kunstschaffende ins Zentrum ihres Handelns stellt.

APPELL DER EUROPAISCHEN FILMEMACHER

FESTIVAL DE CANNES

MONDAY, 22ND MAY, 2017 / LUNDI 22 MAI 2017

ERSTUNTERZEICHNER:

Fatih Akin (Germany / Allemagne)

Robert Alberdingk Thijm (Netherlands / Pays-Bas)

Alejandro Amenabar (Spain / Espagne)

Christophe Andrei (France)

Montxo Armendariz (Spain / Espagne)

Clio Barnard (United Kingdom / Royaume-Uni)

Marco Bellocchio (Italy / Italie)

Lucas Belvaux (Belgium / Belgique)

Pablo Berger (Spain / Espagne)

Julie Bertuccelli (France)

Iciar Bollain (Spain / Espagne)

John Boorman (United Kingdom / Royaume-Uni)

Fred Breinersdorfer (Germany / Allemagne)

Miroslava Brezovska (Slovakia / Slovaquie)

Peter Carpentier (Germany / Allemagne)

Marianna Čengel Solčanska (Slovakia / Slovaquie)

Dan Clifton (United Kingdom / Royaume-Uni)

Fernando Colomo (Spain / Espagne)

Stijn Coninx (Belgium / Belgique)

Catherine Corsini (France)

Jose Luis Cuerda (Spain / Espagne)

Jean-Pierre Dardenne (Belgium / Belgique)

Luc Dardenne (Belgium / Belgique)

Dante Desarthe (France)

Leonardo Di Costanzo (Italy / Italie)

Fabrice Du Welz (Belgium / Belgique)

Klemen Dvornik (Slovenia / Slovenie)

Benedikt Erlingsson (Iceland / Islande)

Stephen Frears (United Kingdom / Royaume-Uni)

Matteo Garrone (Italy / Italie)

Costa Gavras (France)

Jochen Greve (Germany / Allemagne)

Michael Haneke (Austria / Autriche)

Michel Hazanavicius (France)

Miguel Hermoso (Spain / Espagne)

Hrvoje Hirar (Croatia / Croatie)

Agnieszka Holland (Poland / Pologne)

Dariusz Jablonski (Poland / Pologne)

Agnes Jaoui (France)

Joachim Lafosse (Belgium / Belgique)

Eric Lartigau (France)

Claude Lelouch (France)

Marek Leščak (Slovakia / Slovaquie)

Zuzana Liova (Slovakia / Slovaquie)

Daniele Luchetti (Italy / Italie)

Miloslav Luther (Slovakia / Slovaquie)

Ole Christian Madsen (Denmark / Danemark)

Ursula Meier (France-Switzerland / France-Suisse)

Roger Michell (United Kingdom / Royaume-Uni)

Radu Mihaileanu (France)

Catalin Mitulescu (Romania / Roumanie)

Cristian Mungiu (Romania / Roumanie)

Olivier Nakache (France)

Annette K. Olesen (Denmark / Danemark)

Ruben Ostlund (Sweden / Suede)

Sir Alan Parker (United Kingdom / Royaume-Uni)

Paweł Pawlikowski (United-Kingdom - Poland / Royaume-Uni - Pologne)

Raoul Peck (France)

Sverre Pedersen (Norway / Norvege)

Adela Peeva (Bulgaria / Bulgarie)

Nicolas Philibert (France)

Ventura Pons (Spain / Espagne)

Corneliu Porumboiu (Romania / Roumanie)

Elina Psykou (Greece / Grece)

Marian Puobiš (Slovakia / Slovaquie)

Di Redmond (United Kingdom / Royaume-Uni)

Jamie Rosales (Spain / Espagne)

Michael R. Roskam (Belgium / Belgique)

Lone Scherfig (Denmark / Danemark)

Volker Schlondorff (Germany / Allemagne)

Celine Sciamma (France)

Maurizio Sciarra (Italy / Italie)

Jerzy Skolimowski (Poland / Pologne)

Marko Škop (Slovakia / Slovaquie)

Paolo Sorrentino (Italy / Italie)

Birgitte Staermose (Denmark / Danemark)

Hugh Stoddart (United Kingdom / Royaume-Uni)

Charles Sturridge (United Kingdom / Royaume-Uni)

Ondrej Šulaj (Slovakia / Slovaquie)

Bertrand Tavernier (France)

Eric Toledano (France)

Dušan Trančik (Slovakia / Slovaquie)

Joachim Trier (Norway / Norvege)

Fernando Trueba (Spain / Espagne)

Felix Van Groeningen (Belgium / Belgique)

Wim Wenders (Germany / Allemagne)

Susanna White (United Kingdom / Royaume-Uni)